Geschichte ohne Profis

ein kleiner Text über Geschichtsvermittlung

8/18/20262 min read

Igendwer erklärt dir gerade den Ersten Weltkrieg. In 47 Sekunden, mit Zoom-Effekt auf ein Schwarzweißfoto und einem Beat drunter. Vielleicht stimmt es sogar. Vielleicht auch nicht. Du wirst es nicht überprüfen, ich meistens auch nicht.

Ich muss dabei immer an einen Text denken, den ich im Studium zusammenfassen musste. Sven Felix Kellerhoff, "Geschichte muss nicht knallen", von 2008. Kellerhoff ist selbst beides, Historiker und Journalist, und er schlägt eine Partnerschaft vor: Der Geschichtsjournalismus braucht das seriöse Material der Wissenschaft, die Wissenschaft braucht die Öffentlichkeit des Journalismus. Das Interesse an Geschichte sei ohnehin da, man müsse nur wissen, welches Thema in welches Format passt. Dann nehmen sich die Redaktionen der Sache schon an.

Es ist ein sympathischer Text. Aber Kellerhoff denkt Öffentlichkeit von der Redaktion aus. Da sitzen Leute, die entscheiden, was gezeigt wird, und wenn man ihnen gute Themen anbietet, kommt gute Geschichtsvermittlung dabei heraus. Diese Vorstellung setzt einen Türsteher voraus. Den gibt es nicht mehr, beziehungsweise es gibt ihn schon, er steht nur vor einem Lokal, in dem kaum noch wer feiert.

Vermittlung richtet sich heute nach dem, was Aufmerksamkeit bekommt. Nicht nach dem, was jemand für vermittelnswert hält. Das ist keine Klage, das ist einfach die Statik der Sache. Als ich den Text 2021 gelesen hab, hab ich zwei YouTube-Videos als Beispiele angeführt. Eines, in dem Nigel Farage erklärt, wie die Linke den Ersten Weltkrieg umschreiben will, eines mit der Frage, ob Österreicher eigentlich Deutsche sind. Ich musste damals suchen, um so etwas zu finden. Heute ist das nicht mehr das Beispiel, sondern der Normalfall. Geschichte wird permanent gemacht, erzählt, zugespitzt, und zwar größtenteils von Leuten ohne Institution im Rücken.

Das ist erst einmal nichts Schlechtes. Manches davon ist sorgfältiger recherchiert und besser erzählt als das, was im Hauptabendprogramm läuft. Aber es heißt, dass Kellerhoffs Partnerschaft an einer Stelle hakt: Eine Partnerschaft braucht zwei Seiten, die aufeinander angewiesen sind. Das Publikum ist auf keine der beiden angewiesen. Es hat Geschichte im Überfluss.

Wer sich also fragt, wie man mit dem Wildwuchs umgeht, kommt mit einem Schulterschluss der Fachleute nicht weit. Was fehlt, sind Strategien für die Formate selbst. Nicht "wir machen jetzt auch Social Media", sondern verstehen, warum ein bestimmtes Narrativ funktioniert und ein anderes nicht - und was das über die Gegenwart erzählt, nicht über die Vergangenheit.

Die Frage, mit der ich damals meine Zusammenfassung beendet hab, steht für mich immer noch: Wie utopisch ist eine Kooperation von Geschichtsjournalismus und Geschichtswissenschaft, wenn Geschichte längst auch ohne beide gemacht wird?