Der päpstliche Brief im 8. Jahrhundert
katholische Brieffreunde?
8/18/202625 min read


Das hier ist meine Bachelorarbeit aus der Geschichtswissenschaft, leicht entstaubt und fürs Lesen im Browser zurechtgerückt. Es geht um Papstbriefe, um Boten, die selbst Teil der Nachricht sind, und um die Frage, wie sehr unsere Mails eigentlich immer noch nach dem 8. Jahrhundert aussehen.
Warum Briefe?
Briefe sind in unserem alltäglichen Leben zwar schon lange nicht mehr so präsent wie ehedem, doch auch wenn es nicht auffällt, bestimmt ihre Form unsere schriftliche Kommunikation wesentlich. Ob es sich nun um eine Mail an Arbeitskolleginnen und Behörden handelt, um Briefe, die man erhält, weil eine Mail nicht formell genug ist, oder sogar um Onlinekurznachrichten, die man täglich versendet, alle haben ihren Ursprung in der brieflichen Kommunikation der Vergangenheit. Wie sehr diese Nachrichten auf neuzeitlichen, mittelalterlichen und antiken Vorbildern und auf deren Form und Zweck basieren, fällt im Alltag kaum auf. Die historische Untersuchung dieser Tatsache kann dabei helfen, das Medium Brief in neuem Licht zu sehen.
Historische Briefforschung untersucht unter anderem die Geschichte der Briefe im Hinblick auf ihre medientheoretischen Aspekte und ihre historische Nutzung. Dabei kommt vor allem spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Briefen eine größere Rolle zu. Auch antike Briefe erfreuen sich in der Forschung größter Beliebtheit. Die antiken Briefe und ihre Rolle bei den Humanisten im Hochmittelalter sind die Basis für das okzidentale Schriftmedium Brief.
So wie sich die Intellektuellen der Renaissance auf ein "goldenes Altertum" bezogen und das Mittelalter als dunkel und ungebildet abstempelten, so ungefähr scheint auch frühmittelalterliche Briefforschung als ein dunkler Raum zwischen Antike und Renaissance zu wirken; zumindest auf den ersten Blick. Sie liegt zwischen dem antiken, institutionalisierten Briefsystem, mit einem imperialen Postwesen sowie Dichtern und Rednern wie Cicero, und der mittelalterlichen Brieflehre, der Ars dictandi, die den Idealaufbau des Briefes zu Lehrzwecken niederschreibt. Zwar beruht das Wissen der Ars dictandi auf der antiken römischen Rhetorik, aber das bedeutet nicht, dass dieses Wissen nicht schon im Frühmittelalter eingesetzt wurde.
Zwischen zwei prägnanten und populären Forschungsgebieten liegt die historische Briefforschung des Frühmittelalters, der ich mich in dieser Arbeit widmen möchte. Ich glaube, dass in dieser wesentliche Aspekte des Mediums Brief entwickelt und forciert werden. Mein Untersuchungsrahmen ist daher der Codex Epistolaris Carolinus, eine herausragende Quelle für frühmittelalterliche Briefe.
Der Codex Epistolaris Carolinus
Der Codex Carolinus ist eine Briefsammlung, die zwischen dem 25. Dezember 790 und dem 8. Oktober 791 von Karl dem Großen in Auftrag gegeben wurde, mit der wahrscheinlichen Intention, die Briefe vor dem Verfall zu bewahren, wie Karl der Große "selbst" im Vorwort des Codex Carolinus erklärt. Er erwähnt, dass sie seinen Nachfolgern dienlich sein mögen. Die wirkliche Intention kann natürlich nicht herausgefunden werden; einige Forscherinnen und Forscher legen aber einen Repräsentationscharakter der Briefe nahe. Das wäre bei einer Sammlung von Papstbriefen, die viele Komplimente sowie einige Kirchenbestimmungen enthalten, sicherlich denkbar.
Recht klar ist, dass die Briefsammlung nicht vollständig ist, sondern dass die überlieferten Briefe entweder bewusst ausgewählt wurden oder dass nur noch diese Briefe vorhanden waren. Die 99 Briefe selbst wurden im Zeitraum zwischen 739 und 791 geschrieben. Sie wurden von sechs verschiedenen Päpsten an die fränkischen Herrscher geschickt und beinhalten neben generellen Kirchenbestimmungen auch Ansuchen um militärische Unterstützung gegen langobardische Herrscher, von denen sich die Päpste bedroht fühlten. Es handelt sich dabei um eine einseitige Überlieferung der Kommunikation, da bloß die Papstbriefe existieren, nicht aber die Antworten der Karolinger.
Die 99 überlieferten Briefe setzen sich wie folgt zusammen: Sie wurden von sechs verschiedenen Päpsten verfasst, einer vom Volk und Senat Roms, und zwei von Konstantin II., dem Gegenpapst. Konstantins Briefe wurden im Gegensatz zu denen der restlichen Päpste nicht chronologisch einsortiert, sondern am Ende der Sammlung hinzugefügt. Die Briefe selbst sind nur ungefähr chronologisch gereiht. Die Empfänger der Briefe sind, wie bereits erwähnt, die Karolinger, nämlich Karl Martell, Pippin der Jüngere, Karl, Karlmann der Jüngere und Karl der Große; zwei Briefe erhielt Bertrada und einige wenige Briefe wurden von den Päpsten allgemein an geistliche und weltliche Institutionen geschickt.
Diese wesentliche Quelle des frühmittelalterlichen Briefwesens ist durch eine Abschrift im 9. Jahrhundert erhalten. Der Entstehungsort ist nicht genau bekannt, aber die Abschrift befand sich um 870 im Besitz des Kölner Erzbischofs. Sie befindet sich heute unter der Signatur Cod. 449 im Besitz der Österreichischen Nationalbibliothek und wird in Fachkreisen oft als die Wiener Handschrift bezeichnet. Die Wiener Handschrift ist eine wichtige Überlieferung einer wesentlichen Quelle der frühmittelalterlichen Kommunikation.
Aufbau der Briefsammlung
Im Vorwort von Karl dem Großen wird der wahrscheinliche Grund für die Sammlung angegeben. Aufgrund des hohen Alters der Briefe seien sie gesammelt worden, denn: "ut nullum penitus testimonium sanctae ecclesiae profuturum suis deesse succesoribus videatur". Es soll seinen Nachfolgern an keinem nützlichen Zeugnis der heiligen Kirche fehlen. Mit seinen Nachfolgern in seiner Position als fränkischer König und Patrizier der Römer sind wahrscheinlich seine Söhne gemeint.
Eine weitere Ergänzung für die Briefe sind die sogenannten Lemmata. Am Anfang der jeweiligen Briefe wurde in roter Majuskelschrift eine kurze Inhaltsangabe des darauffolgenden Briefes niedergeschrieben. Die Lemmata sind wahrscheinlich mit der ursprünglichen Briefsammlung entstanden und dienen als Kopfzeilen für den verbesserten Überblick.
Darauf folgt der Körper des eigentlichen Briefes. Einer der 99 Briefe ist dabei nur noch als Zusammenfassung erhalten. Die Briefe sind meistens chronologisch geordnet. Franz Unterkircher beschreibt die Schrift 1962 folgendermaßen: Der ganze Codex ist in einer kleinen, durchwegs regelmäßigen karolingischen Minuskel geschrieben, die stellenweise durch einige Seiten hindurch etwas größer wird, um dann wieder zur kleineren Form zurückzugehen. Die Durchschnittsform der Buchstaben ist breit und rund. Die Tinte ist von wechselnder Farbe, meist dunkelbraun, einige Male sehr blass, dann wieder schwarz.
Das Eschatokoll fehlt beim Codex Carolinus; einige Elemente am Schluss, wie etwa Gebete, sind dennoch vorhanden.
Historischer Hintergrund
Ohne hier in dieser Kontextualisierung zu weit zurückgreifen zu wollen, sind einige wesentliche Elemente der "internationalen" Politik im 8. Jahrhundert relevant für das Verständnis dieser Briefe. Simon Groth beschreibt das Verhältnis zwischen Kaisertum, Papsttum und italischem Königtum als ein schwieriges Dreiecksverhältnis, das seinen Ursprung im achten Jahrhundert hat.
Die Karolinger, ein fränkisches Adelsgeschlecht, sicherten sich gegen Ende des siebten Jahrhunderts eine Vormachtstellung. Karl Martell, ein fränkischer Hausmeier unter den Merowingern, dem bis dahin herrschenden Adelsgeschlecht, nutzte seinen Einfluss in dem Amt, um eine dem König ähnliche Stellung zu erreichen. Mit seinem Sohn, Pippin dem Jüngeren, und dem Einverständnis des Papstes wurden die Karolinger das herrschende Adelsgeschlecht.
Die Briefe des Codex Carolinus behandeln den Zeitraum zwischen 739 und 791 und beinhalten damit nicht mehr die Kaiserkrönung Karls des Großen, aber sie zeugen von Annäherungsversuchen zwischen den römischen Päpsten und den Karolingern. Bereits der Übergang der Königswürde auf Pippin geschah mit päpstlicher Zusage. Im Gegenzug wurden mit der Pippinischen Schenkung 754 sowohl der Ursprung des Kirchenstaats als auch die Basis des Konfliktes gesetzt. Die Päpste, die sich von den in Italien herrschenden Langobarden bedrängt fühlten, ersuchten die Karolinger um Unterstützung, da Ostrom seit Ende des siebten Jahrhunderts immer weniger Unterstützung leisten konnte.
Karl der Große, der seinen Bruder von der gemeinsamen Herrschaft verdrängt hatte und alleine über das Frankenreich herrschte, nahm 773 ein Hilfegesuch von Papst Hadrian an. Im Gegensatz zu seinem Vater entschied sich Karl für einen stärkeren Eingriff in das Herrschaftsgebiet der Langobarden und ließ sich zum König der Langobarden ausrufen. Damit gliederte er den Raum lose in sein Herrschaftsgebiet ein und stellte sich dadurch auch geopolitisch in die Nähe der Kirche. Das kann als Basis für die Kaiserkrönung 800 gesehen werden, die im Codex Carolinus nicht mehr behandelt wird. Die päpstliche Kommunikation mit den Karolingern wird aber festgehalten.
Die These
Die Briefe, die durch den Codex Carolinus überliefert werden, sind eine wichtige Quelle der frühmittelalterlichen Kommunikation. Teile dieser Kommunikation sind die Nutzung von spezifischen Zeichen und Symbolen sowie die Nutzung von Boten und Gesandten. Ein weiterer Fokus der Arbeit ist die Form der Briefe, die im Kanon zu anderen mittelalterlichen Briefen steht. Meine These lautet daher:
> Der Codex Epistolaris Carolinus zeigt Einblicke in die genutzten Zeichensysteme und Medien frühmittelalterlicher Kommunikation und kann daher als mediales Bindeglied zwischen antiker Briefkommunikation und spätmittelalterlicher institutionalisierter Brieflehre gesehen werden.
Ob und wie weit sich durch meine medientheoretische Einleitung die Kommunikationsebene der Briefe erklären lässt, steht noch offen. Aufgrund der Tatsache, dass ich mich hier einer Aufgabe widme, die in der jetzigen Forschung eher unbeobachtet geblieben ist, wird sich am Ende herausstellen, wie erfolgreich mein Zugang ist. Um mich mit dieser Aufgabe bestmöglich auseinanderzusetzen, greife ich auf interdisziplinäre Theorien und Methoden zurück.
Kurz zum Forschungsstand
Obwohl das Forschungsinteresse an historischer Kommunikationsforschung und mittelalterlicher Kommunikation in den letzten Jahren gestiegen ist, kann man wohl sagen, dass dieses Forschungsgebiet noch viele Lücken hat. Es gab kaum ein Buch, das ich in der Vorbereitung für diese Arbeit gelesen habe, das nicht mit Bedauern festgestellt hat, dass wesentliche Forschungswerke schon längst fällig wären. Es ist recht paradox, denn einerseits erlebt mittelalterliche Medienforschung einen Boom, andererseits fehlt es scheinbar trotzdem an einschlägigen Werken, die Normen, Definitionen und Überblicke liefern.
In diesem Sinne habe ich mich durch mein Forschungsinteresse in Richtung "methodisches Neuland" führen lassen. Einheitliche, einsatzfähige Definitionen von Medien oder Briefen oder auch nur Kommunikation konnten nicht gefunden werden und werden daher hier selbst definiert. Das liegt mitunter daran, dass manche Methoden aus anderen Forschungsrichtungen entlehnt und modifiziert werden. Eine große Hilfe war der Medientheoretiker Werner Faulstich, der sowohl Überblickswerke zur Medientheorie als auch zur Kommunikation im Mittelalter verfasst hat. Auch Jürgen Herold argumentiert im Wesentlichen für eine medientheoretische Analyse mittelalterlicher Briefe.
Auch der Codex Epistolaris Carolinus erfreut sich in letzter Zeit zunehmenden Interesses, wobei die Quelle weniger bis kaum für methodische Briefforschung herangenommen wird. Ein weiteres Problem, mit dem ich konfrontiert war, ist die Tatsache, dass die Brieflehre mehr oder weniger im Schatten der historischen Diplomatik stand, beziehungsweise immer noch steht. Das ist mitunter einer der Gründe, warum dem Codex Epistolaris Carolinus weniger Aufmerksamkeit geschenkt wurde als anderen Schriftstücken.
Ein bisschen Briefgeschichte
Zwar möchte man das Medium Brief instinktiv mit der Entstehung der Schrift verbinden, da man Briefe selbst als rein schriftliche Medien kennt; diese Einordnung ist aber laut Faulstich nicht praktisch. Denn schon bevor es Schrift gab, wurden Boten in Mesopotamien zum Übertragen von Nachrichten eingesetzt. Sie mussten mündliche Phrasen auswendig lernen und diese dann beim Empfänger wiedergeben. Es ließe sich darüber streiten, ob diese Praxis schon als Brief gezählt werden kann, aber in jedem Fall ist das eine klare Vorgeschichte zu diesem Medium, da Briefe bis in die frühe Neuzeit mittels Boten auch durch eine orale Komponente der Kommunikation Informationen vermittelten.
Hier liegt der Fokus auf dem Römischen Reich als Basis der okzidentalen Briefkultur, aber auch vor dem Römischen Reich gab es, wie beispielsweise bei den Persern, ein institutionalisiertes Postwesen, das den Beamten die Übermittlung von Nachrichten ermöglichte. Das Postsystem im Römischen Reich wurde von der Bevölkerung getragen, da den Boten Obdach und Naturaliendienste zu leisten waren. Der Brief war ein "Kultmedium" der Adeligen, die es nutzten, um mit ihren Vertrauten und Kontakten zu konversieren. Im römischen Kaiserreich nahm die private Briefnutzung aufgrund der Größe des Reiches zugunsten einer staatlich-militärischen ab.
Mit dem "Fall" Roms kommt es zwar noch mehrmals zu einem Versuch der Wiederbelebung des cursus publicus unter Theoderich, den Vandalenkönigen und Justinian. Auch Karl der Große versuchte sich an diese Tradition anzulehnen, allerdings mit geringem Erfolg. Während das institutionalisierte Postsystem in Zentraleuropa nach und nach zugunsten eines Briefsystems, das auf den jeweiligen Machthabern basierte, zurückging, gab es im vorderen Orient ab etwa dem 8. Jahrhundert ein zunehmendes "staatliches" Briefsystem, das sich sogar Brieftauben zunutze machte.
Die Geschichte des Briefes bis ins Mittelalter ist also geprägt von Versuchen der Institutionalisierung des Versands sowie von einem Übergang von mündlicher zu schriftlicher Übertragung der Nachricht, der mit der Institutionalisierung zusammenhängt. Dieser Prozess ging im Sinne einer "staatlichen" Übersendung im Mittelalter wieder zurück und wurde erst in der frühen Neuzeit durch das uns bekannte Postwesen wieder eingeführt. Auch wenn Karl der Große versuchte, das Postwesen wieder zu vereinheitlichen, bleibt das Briefwesen im Mittelalter stark an Personen in Machtpositionen gebunden, die ein Bedürfnis nach Kommunikation haben.
Was ist hier eigentlich ein Medium?
Die Briefe des Codex Epistolaris Carolinus, so wie im Wesentlichen jeder mittelalterliche Brief, vereinen in der Nachricht mehrere Ebenen der Kommunikation. Die zwei wesentlichsten Ebenen sind die schriftliche Ebene und die mündliche Ebene. Es mag zwar zunächst so aussehen, dass ein Brief nur die schriftliche Ebene bedient, das wäre aber eine vorschnelle Annahme, die auf modernen Vorstellungen basiert. Peter Koch betitelt diese Unterscheidung mit dem Medienwechsel. Es handelt sich hier nicht nur um eine Trennung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, sondern gleichzeitig ist es eine Trennung in phonische und in graphische Medien.
In der Auseinandersetzung mit Medientheorie gibt es viele verschiedene Definitionen und Ansätze, die mehr oder weniger hilfreich sein können. Für ein erfolgreiches Arbeiten gilt es aber, den Begriff Medium genauer festzulegen. Ein Medium ist sowohl ein Vermittler von Informationen als auch ein technisches Hilfsmittel zur Kommunikation zwischen Menschen. Das heißt, dass ein Sender mittels eines Mediums einem Empfänger eine Nachricht übermitteln will. Dies geschieht durch die Nutzung von sogenannten Zeichensystemen.
Der mittelalterliche Brief, aber auch Briefe generell, sind daher ein Medium, das sich die Schrift und Sprache zunutze macht, um Informationen zu vermitteln. Das führt zu der Notwendigkeit, das Medium Brief genauer zu definieren. Diese Aufgabe hat sich denkbar schwierig gestaltet, denn der mittelalterliche Brief als Medium hat keine einzelne, richtige Definition. Dadurch gezwungen, mir auch hier die Definition selbst zu erstellen, bin ich zu folgendem Schluss gekommen:
Der mittelalterliche Brief ist ein Medium der menschlichen Kommunikation, welches, eingebunden in institutionalisierte Strukturen, einen Transport von Zeichensätzen ermöglicht.
Es ist sicherlich kaum verwunderlich, dass ein Brief der Kommunikation dient, denn die kommunikative Absicht stellt seinen Zweck. In diesem Fall ist der Zweck genauer gesagt das Überbrücken von kommunikativer Distanz. Die institutionalisierten Strukturen stellen die Form des mittelalterlichen Briefes. Die Formen, in die sich das Medium Brief als literarische Gattung einfügt, entstehen nicht im luftleeren historischen Raum, sie sind von den Vorgängern abhängig.
Für eine Briefkommunikation bedarf es zunächst des Interesses zweier Parteien zu kommunizieren. Da der mündliche Kontakt aufgrund der Distanz nicht möglich ist, bedarf es eines Mittels, die Distanz zu überbrücken. Es besteht das Interesse, die mündliche Konversation bestmöglich zu ersetzen. Hier ermöglicht das Medium Brief die Kommunikation zwischen Absender und Empfänger.
Ein solches einfaches Modell verzichtet allerdings auf das Element der genutzten Zeichensätze. Die gesprochene Sprache, die schon per se ein Zeichensystem ist, wird in einen Code alphabetischer Zeichen transformiert. Jürgen Herold meint, das Ergebnis dieser Umwandlung sei:
> ein (eindimensionaler, linearer, diskursiver) schriftlicher Text auf der (zweidimensionalen, graphischen) Oberfläche eines (dreidimensionalen, materiellen) Textträgers, dem Brief im gegenständlichen Sinne.
Das bedeutet, dass die Botschaft erst vom Absender in den Zeichensatz Schrift kodiert wird. Dieser Zeichensatz muss vom Empfänger dann wieder dekodiert, beziehungsweise entziffert werden.
Allerdings ignoriert das eine wesentliche mediale Bedeutungsebene: die Form des Briefes. Bedeutung und Information werden nicht nur über die Schrift selbst weitergeleitet, auch die Form des Briefes trägt zur Informationsweitergabe bei. Das heißt, dass beim Schreibakt die Formelhaftigkeit des Mediums Brief eingeführt wird. Hierbei gilt es, die innere und die äußere Form zu unterscheiden. Als innere Form kann man die Formeln des Textes verstehen, als äußere Form Elemente wie Beschreibstoff, Siegel und andere Aspekte, die durch das äußere Aussehen Information transportieren.
Die Formelhaftigkeit des Briefes wird beim Kodierungsprozess mit der Schrift eingeschrieben. Die innere Form ist wesentlicher Aspekt des frühmittelalterlichen Mediums und lässt sich als vorgegebene Rahmenbedingungen verstehen. Diese geben an, wann und wie etwas zu schreiben ist. Die innere Form ist essentiell für die Vermittlung von Information mittels Schrift, weil sie Ersatz für die Möglichkeiten eines mündlichen Gesprächs bieten kann. Hierbei schafft aber in mittelalterlichen Briefen für gewöhnlich der Bote eine Überbrückung der Medien.
Im ursprünglichen Sinn des Briefes war es der Sinn der Niederschrift, als zusätzliches künstliches Gedächtnis eines Boten zu funktionieren. Durch die zunehmende Verstaatlichung des Postwesens wurde der Bote bloßer Überbringer der Botschaft. Der Bote transportiert den Gegenstand Brief an den Ort des Empfängers. Die Zeichensätze Sprache und Schrift werden zunächst vom Absender genutzt, um die Botschaft zu kodieren. Dabei nutzt dieser die Formelhaftigkeit für seinen kommunikativen Vorteil. Der Empfänger dekodiert die Zeichensätze und liest die Nachricht meist im Beisein anderer laut vor. Da im Mittelalter ein Brief als die Verschriftlichung von mündlicher Kommunikation gesehen wurde, ist das keine Seltenheit. Das Medium Brief ist also in seiner Entwicklung laut Faulstich von einem mündlichen Medium der Kommunikation mittels Boten zu einem schriftlichen Medium geworden.
Der mittelalterliche und im Besonderen auch der frühmittelalterliche Brief bedient sich also beider Übertragungsmedien und vereint sie. Der Bote ist nicht bloß Überbringer einer Nachricht, er ist gewissermaßen Teil der Nachricht selbst.
Übermittlung: der Bote als Teil der Nachricht
Die Übermittlung der Nachricht erfolgt im Mittelalter über Boten. Briefboten gab es zwar immer, aber ein modernes Verständnis dieses Berufes wäre eine falsche Vorstellung. Wie bereits angeschnitten, vereint ein Bote im christlichen Mittelalter schriftliche wie mündliche Kommunikation. Den Ursprung davon erkennt Sabine Panzram im Römischen Reich. Sie geht davon aus, dass die Prototypen der Boten in ihrer mittelalterlichen Art und Weise bereits im Römischen Reich zu finden sind.
Zwar gab es unter Augustus ein staatliches Briefsystem, allerdings war es dem Militär vorbehalten, dieses zu nutzen. Diplomaten, Politiker und andere Menschen, die Briefe versenden wollten, taten dies über Vertraute und Angestellte. Sie schickten die Briefe zwar mit Vertrauten mit, diese waren aber nur Überbringer und wahrscheinlich noch nicht Teil der Nachricht. Nachdem nach Kaiser Konstantin der katholische Glaube immer mehr Einfluss gewann, war es Geistlichen gestattet, die staatliche Briefinfrastruktur zu nutzen. Nur schleppend nahmen die Geistlichen das an, sie schickten lieber Vertrauenspersonen mit mündlichen Nachrichten, die sie als Teil der Nachricht aufzutragen hatten. Mit dem Verfall dieser Infrastruktur blieb dieser Aspekt bestehen und wurde zudem noch verstärkt - der Bote wurde Teil der Nachricht, denn er galt als Vertreter seines Auftraggebers und nahm die Form eines Gesandten an. Teilweise war der Brief dann noch Legitimierung des Boten.
Damit sind im mittelalterlichen Briefwesen zwei wichtige Kommunikationsmethoden kombiniert. Der Bote war nicht nur Läufer, sondern auch die Nachricht selbst. Gesandte bekamen einen Brief oftmals als Legitimation ihrer Person und überbrachten die Nachricht mündlich. Der Akt des Briefeschreibens bleibt bestehen, auf die Gesandten wurde aber zudem schriftlich Bezug genommen. So ist der Bote nicht nur Medium im Sinne einer Übertragung des Briefes, er ist auch Teil des Mediums Brief per se.
Der Zeichensatz der Schrift, der das Senden einer Nachricht ermöglicht, ist im Wesentlichen auf den Moment des Empfangs ausgerichtet. Jürgen Herold spricht von einer regelrechten "Empfangsorientierung" der mittelalterlichen Briefe. Die Form des Briefes ist so gewählt, dass sie sich an einer mündlichen Nachricht orientiert. Der Brief beinhaltet Grußformel, Abschiedsformel und andere Elemente, die teilweise der öffentlichen Rede entnommen sind. Der Text des Briefes zielt also auf den Moment ab, an dem er vorgelesen wird. Das geht laut Herold so weit, dass beim Verfassen des Briefes der Moment des Lesens beim Empfänger vorgestellt wird.
Der Bote erfüllt mitunter diese Rolle der mündlichen Empfangsorientierung, indem er zusätzlich zur schriftlichen Botschaft eine mündliche Komponente darstellt. Horst Wenzel beschreibt in seiner Mediengeschichte, wie essentiell in einer nicht schriftlichen Gesellschaft der mündliche Akt einer Botschaft war. Der Bote ist nicht nur Überbringer und Vorleser, er ist zudem ein körperlicher Überträger, der mittels Rhetorik, Mimik und Gestik die Nachricht ergänzt und überbringt. Wenzel definiert den Boten als Stellvertreter seines Herren, der das Problem der Unmöglichkeit von Kommunikation, die von Angesicht zu Angesicht stattfindet, löst, weil:
> er mit seinem eigenen Körper die Stimme des Herren überträgt und zugleich dessen Status darstellt. Der abwesende Sprecher teilt sich über die Sprache und über den Körper eines Boten mit.
Da bei einer solchen Vermittlung ein Vertrauensverhältnis förderlich ist, fällt die Wahl des Boten auf Personen aus dem engsten Umfeld der Sendenden. Das ist im Falle des Codex Carolinus nicht anders, denn auch hier ist der Bote von wesentlicher Bedeutung. In mehr als der Hälfte der überlieferten Briefe werden Angaben über den Überbringer des Schreibens gemacht.
Die Nutzung von Vertrauten wird in den Briefen extra erwähnt, um die Boten zu legitimieren. Bereits im ältesten überlieferten Schreiben wird auf die Überbringer des Briefs Bezug genommen. Es stellt sich hier die Frage, ob die Aufgabe, die bei solchen Nachrichten den Übermittlern zukommt, noch mit dem Begriff "Bote" ausreichend erfasst wird, da die Aufgabe mehr als ein Überbringen eines Briefes ist. Achim Thomas Hack legt nahe, dass der Begriff nicht ausreichen könnte, aber ich bleibe hier bei dem Begriff Bote, da dieser, wie oben angeführt, für mich ebenso Teil der Kommunikation ist. Ein von Zeitgenossen benutzter Begriff wäre beispielsweise missus, der in Papstbriefen und im Codex Carolinus häufig genutzt wird. Den Boten werden zusätzlich bestimmte Attribute hinzugefügt, was ein Bild von ihrem sozialen Status zeichnet.
Hack legt im Fall der Papstbriefe die praktische Nähe zur päpstlichen Diplomatie mit ihren Gesandten nahe. Er vergleicht das Überbringen eines Briefes mit dem Überbringen von Urkunden und der dabei politisch-diplomatischen Bedeutung von Gesandten. In diesem Fall bestätigt sich die Wichtigkeit der Boten für die Kommunikation. Oftmals wurden gleich mehrere Boten beziehungsweise Gesandte geschickt, um einen Brief zu bringen. Im Codex Carolinus hingegen gibt es die Tendenz zu "Ein-Mann-Gesandtschaften".
Eines von vielen Beispielen im Codex Carolinus ist der Brief Nummer 8, in dem Papst Stephan um Hilfe ansucht. Gegen Ende des Textes weist er auf seine Gesandten hin. Die missi sollen, zusätzlich zu dem vorhandenen Text, persönliche Augenzeugenberichte liefern und dadurch über die omnes dolores et cunctas dissolationes Bericht erstatten. Hier werden die Gesandten ganz klar zu einem Teil der Nachricht gemacht. Das wird zusätzlich noch mit dem Ausdruck viva voce dicere debeant unterstrichen. Es wird also ein besonderer Wert auf die mündliche Erzählung der Situation gelegt. Zudem wird die Nachricht durch die Gesandten zusätzlich legitimiert.
Auch in die andere Richtung wird die Notwendigkeit der Mündlichkeit hervorgehoben. So schreibt Papst Hadrian 775 an Karl:
> Sed et ipsi praefati nostri missi indeminutae nobis omnia, quae illis a vobis iniuncta sunt, retulerunt plenissime, adserentes de vestra benivola puritate et magna cordis constantia, quam erga beatum Petrum principem apostolorum et nostram mediocritatem secundum vestram promissionem habere videmini.
Hadrian berichtet über die Gesandten, die sofort nach Ankunft Bericht erstatteten, worauf natürlich Bezug genommen wird. Generell werden Gesandte im Durchschnitt pro Brief etwa zweimal angesprochen. Sie haben eine wesentliche Rolle für die Kommunikation inne und werden daher auch dementsprechend betont. Die Boten sind hier zu Recht Gesandte, sie übertragen zwischen Papst und den Karolingern und sind dabei auch Diplomaten.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Bote ein wesentlicher Teil der brieflichen Kommunikation im Mittelalter ist. Er kann über die Aufgabe als Bote hinaus die Rolle eines Gesandten einnehmen, der diplomatische Missionen erfüllt. Ihm fällt eine wichtige Rolle im mündlichen Aspekt der Kommunikation zu, da er gewissermaßen als Stellvertreter seines Auftraggebers fungiert. Dabei ist es praktisch, dass die Gesandten die Kommunikation durch Menschmedien wie Gestik und Mimik ergänzen können. So überschneiden sich Aspekte der Mündlichkeit und der Schriftlichkeit in der brieflichen Kommunikation.
Form: zwischen Urkunde und Ars dictandi
In seinem Standardwerk hat Achim Hack die Formelhaftigkeit des Codex Carolinus bestmöglich herausgearbeitet. Allerdings betont Hack auch, dass in der Erforschung der Formeln der Papstbriefe noch klare einheitliche Termini fehlen, um die Formeln zu beschreiben. Auch die Frage nach der Überlieferung von Briefen wird in Fachkreisen intensiv diskutiert. Hack erklärt die Uneinheitlichkeit wie folgt:
> Trotz der relativ hohen Gleichförmigkeit von Protokoll und Eschatokoll in den Papstschreiben der Spätantike und des frühen Mittelalters gehören diese den brieflichen Kontext einrahmenden Formeln zu den am stärksten diskutierten Problemen der Papstdiplomatik in den letzten anderthalb Jahrhunderten. Im Zentrum stand vor allem die Frage nach der Überlieferung der päpstlichen Urkunden und Briefe und besonders die Bedeutung der päpstlichen Register dabei. Schon allein die lange Liste von Historikern, die sich mit Analysen einzelner Register oder durch Beiträge zu übergreifenden Fragen an der Diskussion beteiligt haben, beweist sowohl die Schwierigkeit als auch die Relevanz des Themas.
Gerade die Nähe zur Urkunde macht es schwer, den mittelalterlichen Brief zu definieren. Aus diesem Grund untersucht Achim Hack die Formelhaftigkeit auch mit Begriffen aus der Urkundenlehre. Er meint, vor allem die Begriffe Protokoll und Eschatokoll seien bei der Untersuchung des Codex Carolinus wesentlich. Ein weiteres Problem ist, dass durch die Überlieferung, wie beispielsweise beim Codex Carolinus in Form einer Briefsammlung, wesentliche Elemente verloren gehen. Es ist keine Seltenheit, dass bei einer solchen Abschrift die Anfangs- und Schlussformeln nicht mit abgeschrieben werden. Hack meint aber, dass es sich im Falle des Codex Carolinus um einen Glücksfall handelt, denn: "die Formeln am Beginn und am Schluss sind dort, wie es scheint, ohne jede Einschränkung vollständig wiedergegeben". Die Datierung im Eschatokoll fehlt jedoch.
Die Formeln geben generell einen zusätzlichen, schriftlichen Bedeutungsrahmen für die Medien. Durch die Form sollen Aspekte eines mündlichen Gesprächs ersetzt werden. So sieht das auch der Linguist und Romanist Peter Koch, der sich mit dem Medienwandel zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit genauer beschäftigt. Er ordnet den Unterschied zwischen den beiden Kommunikationsmedien in ihrer gefühlten kommunikativen Distanz ein. Die Entstehungsgeschichte des Mediums Brief ist gemeinsam mit den Medien Urkunde und öffentliche Rede zu erkennen. Sie seien gemeinsam entstanden und haben daher offensichtliche Gemeinsamkeiten. Das erklärt auch die Problematik mit der Definition der verschiedenen Formen. Besonders die Unterscheidung zwischen Brief und Urkunde ist oftmals schwer, denn manche Briefe haben einen urkundlichen Charakter. Sie sind genauso Rechtsdokumente wie Urkunden, die Unterschiede sind also gering, auch wenn es einige gibt.
> In der Spätantike und im Mittelalter stehen Urkunden und offizielle Briefe in einem so engen diskurstraditionellen Verbund, daß eher die Gemeinsamkeiten als die Unterschiede ins Auge fallen. Wir haben es hier mit einem Prozeß der diskurstraditionellen Konvergenz zu tun.
Koch analysiert als Linguist die formalen Elemente von frühmittelalterlichen Briefen und Urkunden und ihre Institutionalisierung im Rahmen der Ars dictandi. Als Ars dictandi versteht man die mittelalterliche Brieflehre, die Form und Stil von Briefen für eine bürgerliche Allgemeinheit zu verfassen versucht. Ihren Ursprung hat die Ars dictandi im 12. Jahrhundert in Bologna. Sie ist in ihrem Selbstbild eine direkte Berufung auf römische und griechische Vorbilder und deren Schriften und Briefformen. Ein wesentlicher Vertreter ist Cicero, dessen Werke von den Rhetoriklehrern in diesem Bereich besonders stark rezipiert wurden.
Das Verfassen von Briefen und Urkunden war, vor allem im Frühmittelalter, Aufgabe des gebildeten Klerus und eigener Kanzleien, die für Herrscher und Päpste arbeiteten, aber gerade auch die eingewanderte "barbarische" Bevölkerung bediente sich der römischen Künste, darunter auch der Epistolographie. Gernot Müller spricht von einem Transformationsprozess. Die christliche Kirche ist also wesentlich an der Institutionalisierung der Form beteiligt und beruft sich dabei auf römische Vorbilder, genau wie die neue Bevölkerung. Wie im Kapitel zur Übermittlung bereits angesprochen, sind also auch hier die römischen Institutionen und Gelehrten die Vorbilder für den Briefwechsel. Dadurch entwickelt sich im Frühmittelalter zunehmend eine Brief- und Urkundenform, die weitergegeben wird, bis sie in der Ars dictandi dann schlussendlich verschriftlicht wird, mitunter auch mit der Idee, Verlorenes "wiederzufinden".
Ciceros Werke über Rhetorik und seine Briefe wurden als Vorbild genommen, auch im Hinblick auf den perfekten Aufbau eines Briefes. Die Ars dictandi teilt einen Brief im Sinne von Cicero in fünf Teile, wobei die originale Aufteilung bei Cicero nicht fünf-, sondern sechsteilig ist. Dafür verantwortlich ist mitunter das Zurückgreifen auf vermeintliche Werke Ciceros.
- Salutatio - eine bereits nach Rangordnung sortierte Grußformel, in der Absender und Empfänger genannt werden.
- Captatio benevolentiae - die Sicherung des "Wohlgefallens" des Empfängers. Hier gilt es, je nach Kontext dem Empfänger zu schmeicheln und ihn positiv zu stimmen.
- Narratio - der Hauptteil. Hier geht es darum, die Thematik des Briefes darzulegen und einfach zu vermitteln.
- Petitio - hier wird das Anliegen des Absenders bekannt gegeben. Dies geschieht unter anderem auch mittels eines Gebets, dass eine Handlung oder ein Ereignis geschehen soll.
- Conclusio - hier soll nichts zum Thema selbst mehr gesagt werden, hauptsächlich sind Grußformeln angeführt.
Im Codex Epistolaris Carolinus spielt die Ars dictandi zwar per se keine Rolle, da mehrere Jahrhunderte dazwischen liegen, jedoch greifen die Formeln im Codex Carolinus auf die Antike zurück. Das ist eigentlich nicht sonderlich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Bildung im Frühmittelalter das Metier der Kirche war. Hier stellt sich die Frage, in welchen Bereichen bei Ars dictandi und dem Codex Carolinus eine Gemeinsamkeit existiert.
Hack untersucht die Formelhaftigkeit des Codex Carolinus mit den Termini der historischen Urkundenforschung. Dabei unterscheidet er im Wesentlichen zwischen Protokoll und Eschatokoll. Alles dazwischen bezeichnet er als den eigenen Text des Briefes. Die Formelhaftigkeit des Anfangs und des Endes sind also eine Art Rahmen, der das Schreiben des Mittelteils (Kontext) erleichtern sollte. Hack betont, dass formelhaftes Schreiben in diesem Ausmaß zwar ungewöhnlich klingen mag, aber vorteilhaft für das Verfassen von Briefen ist. Zudem müssen verschiedene Arten der formelhaften Sprache unterschieden werden, nämlich auf der Ausdrucks-, Handlungs- und der Inhaltsebene:
> Das strikte Formular der brieflichen Anfangs- und Schlussformeln ist innerhalb dieser Systematik der Ausdrucksebene, und zwar der pragmatischen, schreibspezifisch-textsortengebundenen Unterform zuzuordnen. Die meist den Kontext abschließenden Gebete entstammen als rituelle Sprachhandlungen grundsätzlich der Handlungsebene und haben für die zeitgenössischen Rezipienten diesen Charakter wahrscheinlich auch noch in der verschriftlichten Form bewahrt; die Gebetsgesten werden im Text oft sogar ausdrücklich erwähnt. Die Brieftopik gehört schließlich sowohl der Ausdrucks- als auch der Inhaltsebene an.
Nur zwei Briefe haben eine Salutatio, was keine Seltenheit sei, versichert Hack, denn es sei in den meisten mittelalterlichen Briefen so, dass auf eine Salutatio verzichtet werden kann. Bei den meisten mittelalterlichen Papstbriefen sei das ähnlich, was Hack auf den Liber Diurnus zurückführt. Unter dem Liber Diurnus versteht man die Formelsammlung der römischen Kirche zwischen dem 5. und 11. Jahrhundert. In der Forschung ist umstritten, wie groß die Rolle dieser Formelsammlung tatsächlich war, was Hack abermals notiert. Er kommentiert, dass die Möglichkeit besteht, dass die Sammlung nur zu Übungszwecken entstanden sei und wenig bis kaum genutzt wurde. Allerdings lassen sich die Kriterien erkennen, die für gute päpstliche Briefe relevant waren.
Jedenfalls konzentriert sich Hack auf die Vorschriften für Protokoll und Eschatokoll, die im Liber Diurnus Super- und Subscriptiones genannt werden. Die Superscriptio beinhaltet Inscriptio und Intitulatio, die Subscriptio hingegen den Schlusswunsch. Laut dem Liber Diurnus wird in den meisten Fällen auf Salutatio und auf eine Datierung am Ende des Briefes verzichtet, ganz ähnlich wie beim Codex Carolinus. Hack betont nachdrücklich, dass eine reale Verwendung des Liber Diurnus nicht nachgewiesen werden kann, da aufgrund der Überlieferung meist Protokoll und Eschatokoll verloren gehen, genau wie beim Codex Carolinus, wo das Eschatokoll fehlt. Trotzdem weist er dem Werk eine Art Vorbildcharakter zu, da es doch auch die älteste erhaltene Quelle für das päpstliche Briefzeremoniell ist.
Die Herangehensweise von Hack mit einem urkundlichen Vokabular ändert im Grunde aber nichts an der Verbindung zur Ars dictandi. Die Ars dictandi, die ja nicht nur durch Cicero geprägt ist, sondern auch davon, was die Zeitgenossen bereits als guten Brief wahrnahmen, orientiere sich eben auch am Liber Diurnus, meint Hack. Daher kann man in der brieflichen Grußformel eine Ähnlichkeit zum Eschatokoll sehen.
Die Intitulatio hat sowohl beim Brief als auch bei der Urkunde die Aufgabe, den Sender zu identifizieren. In der Inscriptio wird dann der Empfänger adressiert. Je nach sozialer Stellung des Empfängers wird dieser vor oder nach dem Sender gestellt. Im Fall des Codex Carolinus sind in der größten Mehrzahl der Briefe die Karolinger mit verschiedenen Titeln vorangestellt, es folgt die Selbstnennung der Päpste, die meist eher demütig ausfällt. So heißt es beispielsweise im Brief Nr. 18 aus dem Jahr 767: Domino excellentissimo filio et nostro spiritali compatri, Pippino regi Francorum et patricio Romanorum Paulus papa.
Generell ist die Adressierung, also die Inscriptio, auffallend formelhaft. Dabei wird erkennbar, wie sich in den rund fünfzig Jahren die Formeln und die damit einhergehende soziale Stellung der Karolinger veränderten. So wird aus dem subregulo der rex Francorum et Langobardorum und auch patricius Romanorum.
Auch ein Schlusswunsch lässt sich in der Regel in den Briefen finden. Die Mehrheit der Briefe endet mit den Formeln Bene valete, aber auch Incolomem excellentiam vestram gratia superna custodiat. Diese Schlussformeln sind in der Überlieferung Teil des Textes, es besteht aber Grund zur Annahme, dass diese ursprünglich von den jeweiligen Päpsten per Hand hinzugefügt wurden. Diese Glückwünsche werden bereits in der Spätantike verwendet und stehen daher in kirchlicher Tradition.
Es konnte gezeigt werden, dass die Briefe des Codex Carolinus bereits auf antike Formen zurückgreifen. Wie die Übermittlung ist auch die Form des Briefes auf Basis der Spätantike entstanden. Das schließt nicht aus, dass sich gewisse Elemente ändern, wie etwa die zunehmende Aufgabe des Boten, Teil des Mediums zu sein. Auch die Spezifikationen der Form greifen zwar auf antike Vorbilder zurück, werden aber genauso von zeitgenössischen Änderungen geprägt. Die Form liefert dem Briefschreibenden einen Rahmen für den literarischen Kontext, was die Empfangsorientierung und den Wunsch nach mündlicher Face-to-Face-Kommunikation ersetzen soll.
Zeichen und Symbolik
Ein wesentlicher Aspekt der brieflichen Kommunikation ist natürlich die Schrift. Die Schrift ist ein Zeichensatz, der je nach Kulturkreis phonetischen Lauten Zeichen zuweist. Diese Zeichen ermöglichen, zusammen genutzt, eine Repräsentation von mündlicher Sprache, indem sie auf einem Schreibmedium wie beispielsweise Papier oder Stein codiert werden, um dann von einem Rezipienten wieder decodiert zu werden. Die Zeichensätze selbst sind zu einem gewissen Grad institutionalisiert, um eine gegenseitige Verständigung zu ermöglichen. Im Falle des Codex Carolinus ist nicht nur die Schrift Voraussetzung für das Vermitteln von Information, sondern auch die übliche Briefsprache Latein, wobei Schreiben und Latein in einer klerikalen Bildung Hand in Hand gehen und Schrift in "nationaler" Sprache bis in das Spätmittelalter eine Seltenheit bleibt.
Ein weiterer westlicher Zeichensatz ist die figurative Sprache, die in Briefen des Mittelalters in Form von Metaphern verwendet wird. Man kann hier sowohl von Form als auch von Symbolik sprechen. Die Papstbriefe im Codex Carolinus beziehen sich auf eine lange Tradition von Komplimenten und Vergleichen, die bereits in der Antike verwendet wurden. Hack vergleicht diese Formeln mit den Briefen Gregors des Großen, dessen Briefe zweihundert Jahre vor dem Codex Carolinus entstanden. Zwar ist nicht von der gleichen Quantität zu sprechen, aber diese Formeln werden oft genug benutzt, um als ein fester Bestandteil der Briefe gelten zu können.
Die genutzten Topoi lassen sich vor allem am Anfang der Briefe feststellen. Sie greifen auf antike, literarische Topoi zurück, die auch noch in Ostrom genutzt werden. Die Ars dictandi greift diese Topoi auf und nutzt sie weiterhin, vor allem mit der Idee der captatio benevolentiae. So lassen sich auch in den Papstbriefen Tendenzen einer captatio benevolentiae wiederfinden.
Das beginnt unter anderem mit einem positiven Bezug auf vorhergegangene Briefe der Karolinger. In 27 Briefen wird mit Lob auf das Erhaltene geantwortet. Dabei werden vermehrt Superlative genutzt. Auch die Konzentration auf die Süße der empfangenen Schreiben ist auffallend. Briefe sind melliflua, nectarea, seltener auch suavissima und floriger.
So heißt es beispielsweise bei Papst Stephan 755: A die illo, a quo [a] melliflua bonitate vestra separati sumus, tantum nos affligere et tribulare nisus est, quantum non potest os hominis enarrare. Hier wird Pippins Güte als "honigfließend" bezeichnet, ein Topos, der bereits in der Antike nachweisbar ist. Zudem kommen die Schlussgebete in den Briefen, die ebenso Formelhaftigkeit und Symbolcharakter aufweisen. Hier bitten die Päpste um verschiedene Dinge zugunsten der fränkischen Könige, oft indem sie sich auf biblische Vorlagen beziehen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zeichensätze und die Symbolik für den mittelalterlichen Brief wesentlich sind. Aufgrund der engen Verflechtung der Schrift mit der Form ist es schwer, diese Teilbereiche zu trennen. Die antiken Topoi, die sich der Gewinnung der Gunst des Empfängers widmen, leben in den Papstbriefen teilweise fort und werden von der Ars dictandi ebenso wieder übernommen.
Fazit
In den letzten Kapiteln konnte gezeigt werden, dass das Medium Brief im Frühmittelalter gewissermaßen ein Bindeglied zwischen antiker Rhetorik und antikem Briefwesen und der hochmittelalterlichen Brieflehre darstellt, indem die Formen und Arten der Antike weitergegeben werden. Im Gegensatz zu der Idee eines völligen Zerfalls der antiken Sitten im Frühmittelalter lebte die Tradition über verschiedene Institutionen fort und wurde gepflegt.
Der Brief befindet sich als Medium zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit und lebt von seiner Empfangsorientierung. Formeln, Sprache und Übermittlung dienen dem Ersatz eines persönlichen Gespräches, das Angesicht zu Angesicht stattfinden sollte. Dabei nimmt vor allem der Bote, beziehungsweise der Gesandte, eine wesentliche Rolle für das Medium Brief ein, da er sowohl Übermittler als auch Teil der Nachricht selbst ist. Er erfüllt als Statthalter seines Auftraggebers eine wichtige Rolle in frühmittelalterlicher Kommunikation, was für Boten in der Antike eher selten galt.
Durch die Reflexion meiner Arbeit bin ich zu dem Schluss gekommen, dass eine Behandlung der Themen in Form eines Überblicks noch aussteht. Den Codex Carolinus als Idealtypus der frühmittelalterlichen Briefquellen zu sehen, ist nicht gerechtfertigt, es handelt sich hier nur um eine Quelle von vielen. Die medientheoretische Analyse ist mit Sicherheit noch ausbaubar und verbesserungswürdig, gewisse Tendenzen des Mediums Brief im Frühmittelalter konnten aber meiner Überzeugung nach festgehalten werden.
Abschließend würde ich also meinen, dass die Unterteilung in Übertragung, Form sowie Zeichen und Symbolik relativ gut gewählt war und einen Vergleich mit anderen Werken ermöglicht. Die Tatsache, dass es sich bei den Briefen des Codex Carolinus um eine Überlieferung in Form einer Briefsammlung handelt, erschwert die Analyse jedoch, da die Möglichkeit einer unvollständigen Quelle besteht. Die bestehende medientheoretische Analyse bietet trotzdem einen fundierten Einblick in die Kommunikation der Päpste mit den Karolingern im 8. Jahrhundert, da wesentliche Aspekte dieser aufgezeigt werden. Es bedarf noch weiterer Forschung, um der Spannweite der medientheoretischen Erforschung des (Früh-)Mittelalters gerecht zu werden.
Zum Text
Das ist die gekürzte Fassung meiner Bachelorarbeit "Der päpstliche Brief im 8. Jahrhundert - eine medientheoretische Analyse der Briefe des Codex Epistolaris Carolinus", verfasst an der Universität Wien, betreut von Clemens Gantner. Fußnoten und Literaturliste habe ich für die Blogfassung weggelassen; wer den vollständigen Apparat will, kann sich gerne melden.
Wichtigste Quellen und Literatur:
- Franz Unterkircher (Hg.): Codex epistolaris Carolinus. Österreichische Nationalbibliothek Codex 449. Graz 1962.
- Florian Hartmann / Tina B. Orth-Müller (Hg.): Codex epistolaris Carolinus. Frühmittelalterliche Papstbriefe an die Karolingerherrscher. Darmstadt 2017.
- Achim Thomas Hack: Codex Carolinus. Päpstliche Epistolographie im 8. Jahrhundert. Stuttgart 2006.
- Werner Faulstich: Das Medium als Kult und Medien und Öffentlichkeiten im Mittelalter. Göttingen 1996/1997.
- Horst Wenzel: Mediengeschichte - vor und nach Gutenberg. Darmstadt 2008.
- Peter Koch: Urkunde, Brief und Öffentliche Rede. Eine diskurstraditionelle Filiation im "Medienwechsel", in: Das Mittelalter 3 (1998).
- Die Handschrift ist digitalisiert: [Codex epistolaris dictus Carolinus, ÖNB](http://digital.onb.ac.at/RepViewer/viewer.faces?doc=DTL_4591184&order=1&view=SINGLE)
